Michaela Rois

„Arbeitete ich nicht und malte ich nicht, gäbe es mich nicht.“

Löcher heißen Farbfenster. Durch Fenster oder Augen schaut man herein oder hinaus, je
nachdem, wo man sich befindet: der Körper selber schaut;. Schicht für Schicht wurden
übereinandergemalt: farbige Einschlüsse kristallisierten im Gestein. Geräusche schleichen
stiller in der Nacht. Lungeflügel. Leder ist Haut, schön anzugreifen wie ein Bild; prall und rund
und Frau, und Farbe faltet sich. Schwangere, bauchiges Gefäß, Flasche. Tranchierter Leib.
Auf die Körperoberfläche trifft zartes Licht, innen ist es beinah finster, aber wassergefüllt
schimmert das Gefäß. Mensch oder Vogel mit Schnabel, Knoten oder Steine sind in seinem
Fleisch geborgen. Blind gezeichnet und wild: der Bauch ist ein Haufen Striche, Oberkörper
und Unterleib wurden getrennt. Der Leib steigt aus der Nacht, allerdings erscheint kein ganzer
Mensch. Leben fließt, das Herunterfließen der Farbe: Blut oder Regen verwäscht. Der Leib ist
ein nachtblauer Ozean, darin das Treibgut treibt. Körperteile werden auseinanderfallen oder
doch fest zusammengehalten. Da kein Kopf vorhanden ist, hat man Augen im Leib stecken. In
der Finsternis leuchten Körperfenster, Fleischknäuel: lichtes Fleisch. Vieles wurde zugemalt,
das Ganze ist nicht zu zeigen, es gibt kein Ganzes; man muss über das Ganze hinausgehen.
Fliehende Lichtflecken tänzeln. Glatt und grob: das Schöne wird gebrochen.
Leben/Verbrechen/Verletzbarkeit. Ruhig fließt Rot, treibt an den Inseln vorüber.
Aufbrechungen und Fensterleibungen; von den Fenstern sind Splitter übriggeblieben. Die Haut
hat eine schöne Farbe bekommen. Es ist nicht sicher, ob uns die Wirbelsäule aufrechthält.
Körperteile stecken in der Finsternis, immer der Kopf, größtenteils die Gliedmaßen. Die
Schönheit einer fragilen Linie, die das Gleichgewicht hält, hebt das Gewicht auf. Man zeigt
etwas, indem man etwas verdeckt, also erscheint mehr als alles: das ist Malerei. Die
Wirbelsäule ist gewiss nur ein Faden.

Text von Wolfgang Bleier über die Arbeiten von Michaela Rois